Danke, dass du meinen Blog effizient machst.

Ich dachte schon, hier schaut keiner mehr vorbei. 5,90 Euro kostet mich der Spaß im Monat, wäre ja schade, wenn da Investition und Ertrag nicht stimmen würden. Und heutzutage muss ja alles effizient sein, womit wir schon beim Thema sind.

Ich hab´ mir lange überlegt, ob dieser Blog sinnvoll und nötig ist, neben den vielen Millionen, die es schon im Netz gibt. Aber bevor du dich jetzt selbst fragst, was du hier eigentlich machst, kann ich dich beruhigen: Dieser Blog hat absolut seine Daseinsberechtigung. Effizienzdemenz ist nämlich die neue Volkskrankheit. Demenz heißt frei übersetzt „abnehmender Geist und Verstand“. Und das trifft die Sache ziemlich gut, denn mittlerweile ist vieles von unserem effizienten Verhalten für den gesunden Menschenverstand nicht mehr nachvollziehbar.

Effizienzdemenz kann jeden von uns treffen. Die neue Volkskrankheit greift schonungslos um sich, ob jung oder alt, dick oder doof, die Krankheit bahnt sich ihren Weg und findet ihre Opfer. Menschen, die versuchen immer effizienter zu sein, nicht nur im Job, auch privat, mit ihren Freunden, ihren Hobbys, ihrer ganzen Lebensplanung und sogar noch nach dem Tod. Die Ursachen sind unerforscht und die  Symptome vielfältig. Um nur einige Beispiele zu nennen:

Wir denken nicht mehr, sondern googlen. Wir lesen nicht mehr 10 Bücher, sondern einen Eintrag auf Wikipedia. Wir haben keinen Freundeskreis mehr, sondern Networks. Wenn wir uns mit Freunden unterhalten, dann nur noch in kurzen, effizienten Halb-Sätzen auf Facebook – oder wir drücken einfach nur auf den I like-Button und alles ist gesagt. Wenn wir überhaupt noch Freunde haben, denn richtig rentieren tut sich das Ganze ja nicht. Wir wissen, was ein Blackberry ist, haben aber keine Ahnung, wie eine Schwarzbeere schmeckt.  In der Mittagspause holen wir uns convenient food, um Zeit zu sparen oder machen gar keine Pause, sondern steigen lieber gleich nebenan in der Fitness-Factory aufs Laufband und schauen uns dabei den Tickerdienst auf NTV an und hören gleichzeitig übers iPod einen von über 1000 Songs. Wir sind immer online, um eben noch 148 Mails zu checken, neue Städte erkunden wir nur noch mit Blick aufs Smartfon, weil dort die kürzesten Wege, besten Restaurants, günstigsten Hotels und neuesten Sehenswürdigkeiten gezeigt werden.

Unseren Partner suchen wir bequem von zuhause aus, über Kontaktbörsen und Suchfilter. Wieder Schluss machen können wir auch ganz effizient, dafür gibt es im Netz extra Anbieter, die das übernehmen und du nicht selbst einen tränenreichen Brief schreiben musst.

Und geheiratet wird auch nicht mehr so wie früher. Heutzutage muss die Sache schon medienwirksam, sprich profitabel angelegt werden. Die Bildrechte hat dann die BUNTE oder die BILD oder halt derjenige, der dafür richtig Schotter zahlt. Die Ehen halten oft noch nicht mal ein Jahr, mehr wird nicht investiert, also maximale Ausbeute.

Und sogar nach unserem Tod werden wir effizient genutzt. Durch Lebensversicherungen, Organhandel, Erbschaftssteuer,  Pharmaindustrie, Hinterbliebenenrente, Totentourismus (ja, in den USA gibt es extra Sightseeing-Touren dorthin, wo sich Stars umgebracht haben oder ermordet wurden!)

Das besonders tückische an Effizienzdemenz ist, dass diese Krankheit schleichend von uns Besitz ergreift. Wir bemerken oft erst sehr spät, welch dramatisches Ausmaß sie haben kann. Was anfangs noch klug und vernünftig erscheint, entpuppt sich klammheimlich zur Bedrohung für unsere Phantasie, unsere Entdeckungslust, unsere Fähigkeit, eigene Gedanken zu formen, unsere Faulheit, für unseren Sinn fürs Sinnlose, für Freundschaften, die sich nicht rentieren, für unerfülltes Lieben,  ja, für alles, was sich nicht in Excel-Tabellen, PowerPoint-Präsentationen und Geschäftsberichte pressen lässt.

Deshalb ist es höchste Zeit, die Ursachen dieser Krankheit zu erforschen, ihre Symptome frühzeitig zu erkennen und Behandlungsmethoden zu entwickeln, damit wir uns nicht selbst wegrationalisieren. Wir müssen uns allerdings über eines im Klaren sein: diese Krankheit hat sich schon so weit ausgebreitet, dass die Erfolgsaussichten sehr begrenzt sind und hier versucht wird, dass Unmögliche möglich zu machen. Aber hey, sogar der 1. FC Köln hat schon mal die Deutsche Meisterschaft gewonnen!

Bock auf eine Baukasten-Band?

Neulich habe ich mal wieder entspannt in einer Berliner Bar gefrühstückt und wie jeder andere auch nicht einen ordinären Bohnekaffee, sondern einen Latte Macchiato geschlürft. Man will ja nicht auffallen.

Denkste, plötzlich kam so ein Promotion Team die Tür hereingeplatzt, schaute kurz in die Runde und steuerte dann direkt auf mich zu. Ein freundliches Mädel fragte mich, ob ich bei einer kleinen Umfrage zum Thema Musik mitmachen wolle.  „Warum nicht?“ sagte ich, da drückte sie mir auch schon einen Player mit Kopfhörer in die Hand und holte ein großes Bilderbuch aus ihrer Tasche. Ich bin davon ausgegangen, dass es bei einer Musikumfrage darum geht, welche Musik man am liebsten hört oder nach seinem Lieblingsradiosender oder letztem Konzert gefragt wird. Aber nein, es ging um nicht weniger als eine ganz neue Band zu erfinden – mit meiner Hilfe per Umfrage.

So etwas kannte ich bisher nur aus dem Marketing, wenn man im Supermarkt zu irgendwelchen Produkttests eingeladen und gefragt wird, ob die Limo zu süß schmeckt, wie ein leckeres Eis aussehen soll, welches Duschgel am besten riecht usw.. Damit nicht irgendein Produkt auf den Markt geworfen wird, um dann nach viel Aufwand festzustellen, dass es sich nicht verkauft.  Das wäre ja nicht effizient. Also lieber vorher alles vom Geschmack über die Verpackung bis hin zum Namen und Preis abtesten, damit die Kosten-Nutzen-Bilanz aufgeht.

Jetzt ging es aber nicht um ein neues Shampoo, sondern eine Musikband. Als erstes musste ich mir fünf verschiedene Musikrichtungen anhören. Pop, Country, Rock, Reggae alles war dabei. Dann zeigte mir das Promo-Mädel verschiedene Fotos von Personen, die jeweils in einer Gruppe zusammenstanden. Eine Person war hübscher als die andere – eben wie aus dem Bilderbuch. Sie hatten unterschiedliche Outfits an, natürlich nix von der Stange, sondern schön durchgestylt.

Ich wurde dann danach gefragt, welche Personen am besten zu welcher Musikrichtung passen. Und den passenden Bandnamen durfte ich auch gleich aussuchen. Zur Auswahl standen „Popaluna“, „The Squardancers“, „Rolling Flowers“, „Beatbox“ und „Hello Boys“. Alles in wild verschnörkelten Buchstaben geschrieben, dass ich an Zirkusplakate und Puffeingänge denken musste.

Es wirkte alles sehr klischeehaft, glatt, mainstreamig und nicht neu. Ich wusste, bei dieser Umfrage wird mal wieder der kleinste gemeinsame Nenner gewinnen, auf den sich alle einigen können.

Zum Glück hat es früher nicht solche Umfragen gegeben. Stell dir vor, eine Promoterin wäre auf die Leute zugegangen und hätte sie gefragt, was sie von einer Band halten, deren Frontmann schiefe, stark hervorstehende Zähne hat, einen uncoolen Oberlippenbart trägt, im weißen Unterhemd wie eine Operndiva über die Bühne tänzelt und aus Hardrock eine schrammelige Operette macht? Eine der erfolgreichsten Bands der Welt, nämlich Queen, wäre nie entstanden.

Und auf die Frage, ob es eine gute Idee ist, vier Jungs in Lederjacken und zerschlissenen Jeans auf die Bühne zu stellen, die kein Instrument richtig spielen können, deren Songs nur aus drei Akkorden bestehen und die nicht schön singen, aber dafür einfach umso schneller und lauter spielen, hätte in einer Umfrage sicherlich niemand ja gesagt. Und dann hätte es auch die Ramones, die Urväter einer völlig neuen Musikrichtung, dem Punk, nicht gegeben.

Doch heutzutage ist für Experimente kein Platz, wir bekommen das zu hören, was wir schon kennen. Denn was der Bauer nicht kennt, frisst er auch nicht und dann wäre ja das ganze Geld zum Fenster rausgeworfen. Dann doch lieber schön effizient bleiben, auch wenn es bedeutet, dass die Musik sich in den nächsten Jahren immer wieder gleich anhören und eine neue große Bewegung schon vorzeitig in irgendwelchen Umfrageinstituten verstummen wird.